»Worte können Fenster sein oder Mauern.«
– Marshall B. Rosenberg, Begründer der Gewaltfreien Kommunikation

Unachtsame Kommunikation, Vorwürfe, Verallgemeinerungen (wie »nie« oder »immer«) resultieren nicht selten darin, dass…

  • der/die Gesprächspartner*in beginnt sich zu rechtfertigen.
  • der/die Gesprächspartner*in mit Gegenvorwürfen reagiert.
  • gar kein wirkliches Gespräch zustande kommt, weil der/die Gesprächspartner*in sich zurückzieht

Ganz schnell gerät so die Kommunikation in eine destruktive Abwärtsspirale und mindestens einer der Gesprächspartner bleibt mit einem unguten Gefühl zurück.

Achtsam kommunizieren – Eine Frage der Haltung

Schon einige Jahre begleitet mich ein wundervoller Leitfaden aus den Weiten des Internets unter dem Begriff »Weise Rede«. Leider bin ich nicht mehr in der Lage, die ursprüngliche Quelle ausfindig zu machen. Gerne hätte ich sie hier verlinkt. Falls du die folgende Beschreibung erkennen solltest, freue ich mich riesig über einen Hinweis zur möglichen Quelle.

Weise Rede ist…

– wohlmeinend

Sie entsteht aus dem Wohlwollen und nicht aus Boshaftigkeit. Sie ist konstruktiv und zielt darauf ab, den anderen aufzubauen, nicht kleiner zu machen.

– wahr

Sie ist nicht übertrieben, aus dem Kontext genommen oder aufgeblasen.

– hilfreich

Sie zielt darauf ab, dass die Dinge besser werden und nicht schlechter.

– zeitlich angemessen

Sie ist nicht von Impulsivität angetrieben. Sie ruht auf der Grundlage, die eine gute Möglichkeit schafft, dass sie wirklich gehört wird.

– nicht verletzend

Sie kann entschlossen, direkt oder intensiv sein. Sie kann falsche Behandlung oder Ungerechtigkeit ansprechen, Wut kann anerkannt werden. Aber sie ist nicht anklagend, gemein, provozierend, respektlos, verächtlich oder spöttisch.

– wenn möglich wird sie vom anderen Menschen gewollt

Wenn sie es nicht hören wollen, dann musst du es vielleicht nicht unbedingt sagen. Aber es wird auch Situationen geben, in denen du für dich selbst sprechen musst, ob der andere es mag oder nicht.

Achtsame Kommunikation bedeutet auch Selbstempathie

Achtsame Kommunikation bedeutet nicht nur Achtsamkeit und Empathie dem/der Gesprächspartner*in gegenüber, sondern auch dir selbst. Ja, du darfst für dich, deine Gefühle und Bedürfnisse einstehen.

»Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht ernst nehmen, tun es andere auch nicht.«
– Marshall B. Rosenberg, Begründer der Gewaltfreien Kommunikation

Das Grundmodell der GfK

Die von Marshall B. Rosenberg begründete Gewaltfreie Kommunikation (kurz: GfK) ist weniger als Kommunikationstechnik, sondern eher als Haltung mit einem bestimmten Menschenbild zu betrachten. Die GfK geht davon aus, dass alle Menschen Bedürfnisse haben (z.B. nach Sicherheit, Anerkennung, Fairness) und somit alles, was ein Mensch tut oder sagt, ein Versuch ist, sich Bedürfnisse zu erfüllen.
Ein Problem ist folglich eine Situation, in der ein wichtiges Bedürfnis zu kurz kommt. Bei einem Konflikt wiederum geht es um zwei Bedürfnisse, die nicht miteinander vereinbar sind bzw. scheinen.

Das Grundmodell der GfK: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte

B = Beobachtung

Versuche möglichst objektiv eine konkrete Beobachtung zu schildern. Was hast du mit deinen Sinnen wahrgenommen? (Was hast du gesehen oder gehört?) Bewertungen, Interpretationen, Übertreibungen oder Verallgemeinerungen sind hier fehl am Platz.

»Wenn ich sehe/höre…«

Achtung, Bewertung!

Manchmal können Bewertungen wie vermeintliche Beobachtungen wirken.

Bewertung Beobachtung
»Dein Zimmer ist unordentlich.« »Heute Morgen lagen mehrere Kleidungsstücke auf dem Boden.«
»Du hast mich angepflaumt.« »Du hast gesagt, ich soll dich in Ruhe lassen.«
»Du hast gelangweilt auf dein Handy geschaut.« »Als ich anfing, über Thema XY zu sprechen, hast du dein Handy aus der Hosentasche geholt.«

G = Gefühl

Spüre in dich hinein und beschreibe welche emotionale Reaktion die geschilderte Beobachtung bei dir ausgelöst hat. Was hast du gefühlt?

»…dann bin ich… / …dann macht mich das…«

Achtung, Pseudogefühle!

Pseudogefühle sind keine echten Gefühle, sondern Gedanken oder Interpretationen.

»Ich fühle mich hintergangen« unterstellt Böswilligkeit
»Ich habe das Gefühl, wir drehen uns im Kreis« bewertet eine Situation
»Ich fühle mich ignoriert« unterstellt Absicht

B = Bedürfnis

Teile klar deine Bedürfnisse, Anliegen und/oder Werte mit. Was brauchst du? Was ist dir wichtig?

»…weil mir … wichtig ist / …weil ich … brauche«

Beispiele für Bedürfnisse:

Anerkennung, Aufmerksamkeit, Beständigkeit, Ehrlichkeit, (emotionale) Sicherheit, Erholung, Fairness, Freiheit, Geborgenheit, Gesundheit, Harmonie, Nähe, Ruhe, Sauberkeit, Respekt, Unterstützung, Vertrauen, Zugehörigkeit, Zuverlässigkeit, …

B = Bitte

Bitte dein Gegenüber um eine möglichst konkrete und realistische Handlung.

»…und ich möchte, dass du … tust. Einverstanden? / Bist du bereit dazu?«

Achtung, Forderung!

Eine Bitte ist keine Forderung! Das bedeutet auch eine Nichterfüllung ist in Ordnung.

Beispielsatz mit den vier GfK-Schritten:

Vorwurf:
»Ständig glotzt du auf dein Handy, während ich mir dir rede. Langweile ich dich so sehr?«

GfK-Modell:
»Wenn ich sehe, dass du zu deinem Handy greifst, wenn ich Thema XY anschneide, bin ich verärgert und traurig, weil ich mich nicht wertgeschätzt fühle. Ich möchte, dass du dein Handy zur Seite legst, während wir reden. Ok?«

Weiterführende Leseempfehlungen

Das BAHN-Modell

Das BAHN-Modell geht vermutlich auf René Borbonus zurück. Es basiert auf dem Grundmodell der GfK, unterscheidet sich jedoch vor allem im letzten Punkt.

BAHN-Modell: Beobachtung, Auswirkung, Hintergrund, Nachfrage

B = Beobachtung

Versuche möglichst objektiv eine konkrete Beobachtung zu schildern. Was hast du mit deinen Sinnen wahrgenommen? (Was hast du gesehen oder gehört?) Bewertungen, Interpretationen, Übertreibungen oder Verallgemeinerungen sind hier fehl am Platz.

»Mir ist aufgefallen, dass…«

Achtung, Bewertung!

Manchmal können Bewertungen wie vermeintliche Beobachtungen wirken.

Bewertung Beobachtung
»Dein Zimmer ist unordentlich.« »Heute Morgen lagen mehrere Kleidungsstücke auf dem Boden.«
»Du hast mich angepflaumt.« »Du hast gesagt, ich soll dich in Ruhe lassen.«
»Du hast gelangweilt auf dein Handy geschaut.« »Als ich anfing, über Thema XY zu sprechen, hast du dein Handy aus der Hosentasche geholt.«

A = Auswirkung

Beschreibe deine emotionale Reaktion im Zusammenhang mit der zuvor geschilderten Beobachtung. Was hat die Situation in dir ausgelöst?

»In mir hat das ausgelöst…«

Achtung, Pseudogefühle!

Pseudogefühle sind keine echten Gefühle, sondern Gedanken oder Interpretationen.

»Ich fühle mich hintergangen« unterstellt Böswilligkeit
»Ich habe das Gefühl, wir drehen uns im Kreis« bewertet eine Situation
»Ich fühle mich ignoriert« unterstellt Absicht

H = Hintergrund

Die Botschaft wird in einen größeren Kontext gesetzt. Welche Folgen könnte das beobachtete Verhalten deiner Meinung nach eventuell haben? Und wieso ist es dir überhaupt wichtig, darüber zu sprechen? Die Darstellung des Hintergrunds kann auch eine inhaltlich schwierige Botschaft in eine positive verwandeln, indem Wertschätzung für das Gegenüber ausgedrückt wird.

»Warum erzähle ich dir das?«

N = Nachfrage

Statt eine konkrete Aufforderung oder einen Wunsch für ein bestimmtes Verhalten zu formulieren, frage nach der Sichtweise deines Gegenübers. Lade zum Dialog ein. Dadurch schaffst du die Möglichkeit, mehr über deine*n Gesprächspartner*in zu erfahren und/oder gemeinsam nach einer passenden Lösung zu suchen.

»Deine Sichtweise ist mir wichtig. Könntest du dir vorstellen, dass wir darüber sprechen?«

Beispielsatz mit dem BAHN-Modell:

Vorwurf:
»Ständig glotzt du auf dein Handy, während ich mir dir rede. Langweile ich dich so sehr?«

BAHN-Modell:
»Mir ist aufgefallen, dass du zu deinem Handy gegriffen hast, als ich Thema XY angeschnitten habe. Mich hat das verärgert, weil du mir wichtig bist und ich deine Meinung zu dem Thema hören wollte, aber ich hatte den Eindruck, dass du durch das Handy abgelenkt warst. Wie siehst du das?«

Weiterführende Leseempfehlungen

Nachfrage statt Bitte – Macht das wirklich einen Unterschied?

Meiner Meinung nach bekundet die Nachfrage eher Interesse an der Sichtweise des Gegenübers und eröffnet einen größeren Handlungsspielraum als eine vorgefertigte Lösung in Form einer Bitte. Natürlich ist eine Bitte keine Forderung, doch je nach Situation und Beziehungshintergrund kann auch eine Bitte Kommunikation ersticken.

Statt die Situation aufzuklären – der Blick auf’s Handy kann schließlich berechtigte Gründe haben, die weder mit Langeweile noch Desinteresse zu tun haben – wird der/die Angesprochene sein Handy vielleicht weglegen, aber dennoch weiterhin mit den Gedanken woanders sein. Nach meiner Bitte erfahre ich aber im schlimmsten Fall nichts über die Hintergründe: Ist mein/e Gesprächspartner*in vielleicht nervös, weil er/sie auf einen wichtigen Anruf wartet? Kann er/sie meinen ausschweifenden Erzählungen über ein bestimmtes Thema inhaltlich nicht komplett folgen, hat aber nicht den Raum oder das Vertrauen nachzufragen?

Eine Nachfrage lädt eher dazu ein, in ein Gespräch auf Augenhöhe zu gehen, mehr über meine/n Gesprächspartner*in zu erfahren und/oder gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

Frau Lyoner


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