Erinnerungsstücke auszumisten kann aufgrund der beteiligten Emotionen ein ganz schön schwieriges Unterfangen sein. Dennoch halte ich es für sinnvoll, sich dieser Herausforderung regelmäßig zu stellen. Im Laufe des Lebens häuft sich so einiges an, das mit Erinnerungen und Emotionen behaftet ist. Doch nicht nur aus Platzgründen macht das Ausmisten dieser besonderen Gegenstände Sinn, sondern vor allem auch um emotionalen Ballast loslassen zu können.

Eine Kiste, viele Erinnerungen

Um einen Überblick über erinnerungsbehaftete Papeterie wie beispielsweise Glückwunschkarten, Briefe und Postkarten zu behalten, bewahre ich diese gebündelt in einer Pappschachtel auf. Den Inhalt dieser Schachtel nehme ich in unregelmäßigen Abständen immer wieder mal unter die Lupe und entscheide, was ich weiterhin behalten möchte und was gehen darf.

Eine ganz besondere Bedeutung hatten dabei immer meine Tagebücher, die ich im Alter von 13 bis 18 Jahren gefüllt habe. Das Schreiben half mir, meine Gefühle und Gedanken zu ordnen oder schwierige Situationen zu verarbeiten. So waren meine Tagebücher besonders in kritischen Lebensphasen wichtige und treue Begleiter, weshalb sie bisher bei jeder Sichtung meiner Erinnerungskiste ganz selbstverständlich bleiben durften.

Tschüss Tagebücher – Das Warum

Bei der letzten Sichtung tauchte jedoch ein anderes Gefühl in mir auf und ich entschied mich meine Tagebücher gehen zu lassen.

Erstens weil mich jedes Lesen alte Situationen und Emotionen erneut durchleben ließ, obwohl diese keine wirkliche Relevanz mehr für mein jetziges Leben hatten, geschweige denn einen positiven Mehrwert. Ganz im Gegenteil, das Lesen dieser alten Zeilen sorgte eigentlich immer für eine emotionale Talfahrt.

Zweitens weil in diesen Tagebüchern auch ein ganzer Batzen unreflektierter Gedanken niedergeschrieben war von einem vergangenen Ich, das mit dem gegenwärtigen Ich nicht mehr viel gemeinsam hatte. Die Vorstellung, jemand könnte im Falle meines plötzlichen Ablebens diese unreflektierten Gedanken ohne Kontext oder weitere Erklärungen lesen, besorgte mich. Würde ich dadurch nicht vielleicht ein völlig verzerrtes Bild von mir hinterlassen?

Tschüss Tagebücher – Der Abschied

Knisterndes Feuer

Als die Entscheidung getroffen war, meine Tagebücher loszulassen, fühlte es sich gut an, und trotzdem fiel mir das Prozedere an sich alles andere als leicht.

Ich hielt eine Art Abschiedszeremonie ab, in der ich alle Tagebücher noch ein letztes Mal las und dann Seite für Seite heraustrennte und verbrannte. Besonders schwer fiel mir das Loslassen meines allerersten Tagebuches aus dem Jahr 2002. Lange hielt ich es umklammert und zögerte, ob ich das wirklich durchziehen möchte.

Tschüss Tagebücher – Das Fazit

Aber letztendlich tat ich es dann. Und so viel Überwindung und Trauergefühle auch involviert waren, so gut und erleichtert fühlte ich mich am nächsten Tag.

Glück ist gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis (nach
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Es waren nicht nur Tagebücher, die ich losgelassen hatte, sondern auch bestimmte Kapitel meines Lebens, an denen ich durch die regelmäßige Auffrischung der Erinnerungen gedanklich immer noch anhaftete.

Denn ein Erinnerungsstück ist nicht nur ein emotionsbehafteter Gegenstand, der dabei hilft, eine gedankliche Zeitreise zu machen, sondern gleichzeitig auch die Entscheidung, eine bestimmte Erinnerung regelmäßig auffrischen zu wollen.

Manches vergisst man nie. Anderes schon. Aber es gibt auch genügend Erinnerungen, bei denen es gar nicht so verkehrt ist, die Details im Laufe der Zeit zu vergessen.

»Glück, das ist einfach eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis.«
Ernest Hemingway

Frau Lyoner


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