Die Nacht war kurz und der Wecker erbarmungslos. Aus einem Halbschlaf von sorgenvollen Gedanken um die Zukunft gerissen, musste Anna sich eingestehen, der Versuch doch noch zur Ruhe zu kommen, war nun endgültig gescheitert. Sie schlüpfte in ihr Lieblingsshirt und glitt in die gemusterte Plunderhose vom »Schätzchen«, dem Second-Hand-Laden, der letzte Woche in der Innenstadt neu eröffnet hatte. Während sie die Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammenband, beschloss sie, heute auf Wimperntusche zu verzichten. Sie half ihrer Tochter Lea beim Anziehen und steckte eine Brotdose mit Knäckebrot in die mittlerweile etwas klein anmutende Kindergartentasche.

Der Hinweg zog sich. Alle paar Meter blieb Lea stehen und beklagte sich über ihre Sandalen.
»Da, genau da, tut’s weh.« Lea deutete mit dem Zeigefinger auf ihren Knöchel.
»Aber gestern hast du die doch den ganzen Tag getragen. Da hat nichts gedrückt. Zeig’ mal her.«
Anna warf einen prüfenden Blick auf die Unterseite des Kinderschuhs, den ihre Tochter ihr entgegenstreckte.
»27. Passt doch. Letztes Jahr waren die noch zu groß, aber jetzt sind die genau richtig.«
»Aber Mama, die drücken! Die müssen wir wegschmeißen und neue kaufen«, ließ Lea in einem Ton der Selbstverständlichkeit verlauten, den nur das Kind einer Wegwerfgesellschaft anzuschlagen vermag. Neben Ungeduld verspürte Anna nun auch einen leisen Anflug von Ärger aufsteigen. Halb versöhnlich, halb vorwurfsvoll entgegnete sie: »Lea, das kostet alles Geld. Vielleicht ziehst du morgen einfach wieder deine Turnschuhe an.«

Sehr darauf bedacht ihre Augenringe hinter der Sonnenbrille zu verstecken, verabschiedete Anna ihre Tochter mit einem Kuss und machte sich auf den Heimweg. Sie spürte, wie der Hunger sich immer mehr bemerkbar machte. Mit einem Ziehen im Magen machte sie Halt am Geldautomaten, der an der Seitenwand der nahegelegenen Bäckerei platziert war.
»Hoffentlich lässt er mich nicht wieder im Stich«, dachte sie noch, während sie die Karte in den Schlitz schob. Doch der Automat war ihr auch heute nicht gnädig. Behutsam strich sie über den Chip der Visa-Karte und versuchte es erneut. Nichts zu machen. Die EC-Karte wollte Anna der widerspenstigen Maschine jedoch nicht überlassen.
»Ich bezahle doch keine fünf Euro Gebühren für’s Abheben«, dachte sie und öffnete das Kleingeldfach ihres Portemonnaies. Mit freudigem Erstaunen stellte sie fest, dass dieses tatsächlich noch drei Zwei-Euro-Stücke enthielt. Ihr Frühstück war gerettet.

Während der Mann vor ihr ein belegtes Brötchen mit Lyoner bestellte, hatte Anna genügend Zeit die Auswahl der Bäckerei zu sondieren und grob zu überschlagen, wie weit sie mit dem Schatz in ihrem Kleingeldfach kommen würde. Sie verspürte ein heftiges Verlangen nach Karottenkuchen, doch dieser würde heute außerhalb ihrer Möglichkeiten liegen.
»Zwei Laugencroissants und ein Laugenweck, bitte.« Annas Tonfall transportierte unfreiwillig die Erschöpfung, die sie gern verborgen hätte. Die Sonnenbrille hatte sie abgesetzt. Das gebot die Höflichkeit. Die Dame hinter dem Verkaufstresen packte die bestellten Backwaren zusammen – Anna konnte gerade noch sagen: »Ja, gern alles zusammen in eine Tüte« – und verkündete mit einem Lächeln, das ehrlich freundlich wirkte:
»Das macht dann sechs Euro und fünf Cent.«
Annas Hirnwindungen wurden zu Klumpen aus Teig.
»Das darf doch nicht wahr sein«, murmelte sie mehr zu sich selbst und fummelte hilflos im Kleingeldfach ihres Portemonnaies herum.
»Wie viel haben Sie denn?«, fragte die Dame hinter dem Verkaufstresen vorsichtig.
»Ähm, sechs Euro. Ich habe ganz genau sechs Euro«, antwortete Anna verlegen und fügte noch stammelnd die Worte »Automat« und »Bargeld« hinzu. Mit einer abwinkenden Handbewegung griff die Dame hinter dem Tresen in eine Porzellantasse neben der Kasse und bemerkte: »Ach, bei fünf Cent mache ich mir gar keine Gedanken. Die nehme ich einfach aus meiner Trinkgeldkasse. Kein Problem.« Erst jetzt registrierte Anna den Kunden zu ihrer Rechten. Genauer gesagt seine Hand, braungebrannt und von rauer Erscheinung, die neben ihr in Richtung Kasse ragte, zwischen den Fingern eine Zwanzig-Cent-Münze: »Hier, das sollte reichen, oder?«

Angesichts dieser Mischung aus Freundlichkeit, Mitleid und Ungeduld – die Warteschlange in der Bäckerei hatte in der Zwischenzeit schließlich nicht aufgehört zu wachsen – wurde Anna der ganze Vorfall erst recht unangenehm. Ausgerechnet heute, in einem Erscheinungsbild, das ihr gerade furchtbar lächerlich anmutete. Die Augenringe, das in die Jahre gekommene T-Shirt, die schlabbernde Second-Hand-Hose. Niemand in dieser Szenerie konnte wissen, was sich hinter ihrem Aufzug verbarg. Von ihrem inneren Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft, deren übertriebener Konsum den Planeten zu zerstören drohte. Von der Altbauwohnung mit Fischgrätenparkett und den selbst gezogenen Tomatenpflanzen auf dem Südbalkon. Von ihrer Ehe mit Markus, von Lea, dem Ferienhaus auf Sylt und ihren gemeinsamen Spaziergängen in den Dünen. Von ihrem hart erarbeiteten Master-Abschluss in Wirtschaftsinformatik. Vom Los, die erste Akademikerin in ihrer Familie zu sein, gutes Geld zu verdienen und sich über andere Dinge den Kopf zerbrechen zu dürfen als über die nächste Mietzahlung. Doch wer sollte diese Nuancen ihres Seins hier und jetzt erkennen können? In diesem Augenblick war sie, davon war Anna jedenfalls überzeugt, bloß die Frau im zerknautschten Outfit, die ihren Einkauf nicht bezahlen konnte. »So wie Mama damals«, schoss es ihr durch den Kopf. Unwillkürlich musste sie daran denken, wie sehr sie es damals gehasst hatte, die abgetragenen Klamotten fremder Menschen tragen zu müssen. Am allerschlimmsten waren die Karottenhosen. Auf dem Schulhof sah sie sehnsüchtig all den schlackernden Schlaghosen nach, die fast schon höhnisch an ihr vorbeispazierten, während sich die Karottenhosen eng um ihre Waden spannten und ihre bleichen Knöchel präsentierten. Die Karottenhosen wurden zu einer Uniform, die allen unmissverständlich demonstrierte, welchen Verhältnissen sie entsprang. Und auch wenn es in Annas Leben längst keine Karottenhosen mehr gab, war das Gefühl der Scham noch äußerst präsent, das sie gerade angesichts der fehlenden fünf Cent, verbunden mit ihrem heutigen Erscheinungsbild, verspürte. In diesem Moment wurde ihr eine Sache klar: »Wenn du in Armut aufwächst, kriecht dir diese in Mark und Bein und wird ein Teil von dir, den du mit keinem Geld der Welt abzuschütteln vermagst.«

Annas Blick schweifte zum Kundendisplay. Sie stutzte.
»Oh, haben Sie mir etwa drei Laugencroissants berechnet? Ich hatte eigentlich nur zwei bestellt.«
Das hatte sie tatsächlich, dennoch kam ihr sofort der Gedanke, dies müsste vermutlich wie eine Ausrede wirken, um sich aus der unangenehmen Situation zu manövrieren.
»Achso?« – und während die Dame hinter dem Verkaufstresen das lästige dritte Laugencroissant mit der Zange aus der Papiertüte angelte, um es wieder in die freie Wildbahn der Auslage zu entlassen, bemerkte sie in einer Tonlage, die Anna als Mitleid deutete: »Dann bekommen Sie jetzt ja sogar etwas zurück.«
Eilig ergriff Anna die Tüte mit den Backwaren und das unverhoffte Rückgeld vom Verkaufstresen.
»Hier Ihre zwanzig Cent. Vielen Dank«, sprach sie zu dem hilfsbereiten Herrn neben sich, zog die Sonnenbrille wieder über die Augen und verließ fast fluchtartig die Bäckerei.

Auf dem Heimweg rief sie sich in Erinnerung, die zerkratzte Visa-Karte endlich ersetzen zu müssen. Gut, dass sie heute frei hatte. Und nachmittags würde sie dann mit Lea neue Sandalen kaufen gehen.

Alternatives Ende:
»Der Rest ist für Sie.« In der Bäckerei war mittlerweile der hilfsbereite Herr an der Reihe.
»Das ist nett von Ihnen, vielen Dank«, sagte die Dame hinter dem Verkaufstresen mit einem Lächeln. Sie konnte jeden Cent gut gebrauchen. Ihre Kinder sollten endlich auch einmal das Meer sehen dürfen.

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Danke, dass du bis hierhin gelesen hast. Da ich mich schon mehrere Jahre nicht mehr an einer Kurzgeschichte versucht habe, freue ich mich bei diesem Artikel ganz besonders über Feedback.

Frau Lyoner


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