»Ich brauche einfach noch mehr Übung« statt »Dafür fehlt mir das Talent«?

Definition: Growth Mindset vs. Fixed Mindset

Die Begriffe Growth Mindset (dynamisches Selbstbild) und Fixed Mindset (statisches Selbstbild) wurden von Carol Dweck, einer amerikanischen Psychologin, geprägt. Das Konzept dahinter lässt sich vereinfacht folgendermaßen beschreiben:

Wer ein Growth Mindset hat…

  • glaubt daran, seine Fähigkeiten durch stetige Übung ausbauen zu können.
  • stellt sich gern neuen Herausforderungen.
  • sieht Fehler als Lernchance.

Wer ein Fixed Mindset hat…

  • glaubt an angeborene Talente und Begabungen.
  • meidet neue Herausforderungen.
  • sieht Fehler als Bedrohung und versucht sie zu vermeiden.

Welche Auswirkungen haben Growth bzw. Fixed Mindset auf unser Wohlbefinden?

Wir leben in einer komplexen Welt, in der wir ständigen Veränderungen unterworfen sind. Technologien, Trends, Weltanschauungen, wirtschaftliche Märkte, alles ist kontinuierlich im Wandel und wir können morgen jederzeit von etwas überrascht werden, womit wir gestern noch nicht gerechnet haben. Lebenslanges Lernen ist heutzutage nicht nur im Beruf von Vorteil. Die stetige Weiterentwicklung und Unbeständigkeit, die wir in vielen Bereichen unseres Lebens erleben, kann als Bedrohung oder aber als Gelegenheit betrachtet werden. Dies wiederum hat natürlich Einfluss auf unser Wohlbefinden.

Die Art des Mindsets beeinflusst außerdem auch unser Selbstwertempfinden. Menschen mit einem Fixed Mindset messen ihren Selbstwert an ihren vermeintlichen Talenten. Sie lassen sich von Fehlschlägen leichter verunsichern, da sie bei Misserfolgen ihre Talente in Frage stellen. Aus diesem Grund werden Herausforderungen eher vermieden, da sie mehr als Bedrohung denn als Chance empfunden werden. Persönliches Wachstum wird erschwert und Gefühle von Stolz und Zufriedenheit, die sich bei einer gemeisterten Herausforderung einstellen, treten seltener auf.

Menschen mit einem Growth Mindset erleben sich als selbstwirksam. Sie stellen sich gerne neuen Herausforderungen und glauben an persönliche Weiterentwicklung durch ausreichend Übung. Fehler und Feedback werden als gute Gelegenheit betrachtet, um Neues zu lernen, und weniger als etwas, das es tunlichst zu vermeiden gilt.

Vom Fixed Mindset zum Growth Mindset?

Ob wir gerade eher auf Basis eines Growth oder Fixed Mindsets denken und handeln, ist meiner Meinung nach durchaus abhängig von Situation und Kontext. Eine eindeutige Zuordnung, die zu jeder Zeit und in jeder Situation ihre Gültigkeit hat, halte ich persönlich für unrealistisch. Doch sicherlich gibt es bei jedem Menschen eine gewisse Tendenz in die ein oder andere Richtung.

Wie bewege ich mich nun also mehr in Richtung Growth Mindset, wenn ich bisher tendenziell eher im Fixed Mindset stecke?

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Unsere Sprachmuster beeinflussen unser Selbstbild

Unsere Sprachmuster tragen meiner Ansicht nach einen großen Teil dazu bei, wie wir uns selbst erleben. Mit Sprachmuster meine ich dabei nicht nur die gesprochene Sprache, sondern auch die Art und Weise, wie wir den inneren Dialog mit uns selbst führen – insbesondere dann, wenn wir einen Misserfolg zu verzeichnen haben. Ich denke dabei an Aussagen wie:

  • »Ich kann das nicht.«
  • »Ich hab’s verkackt.«
  • »Ich bin so unfähig.«
  • »Das ist nicht meine Stärke.«
  • »Das schaffe ich nie.«
  • »Bestimmt geht das schief.«

Je stärker meine Sprach- und Gedankenwelt von solchen Sätzen dominiert ist, desto eher befinde ich mich vermutlich in einem Zustand des Fixed Mindsets.

Der erste Schritt um (Sprach-/Denk-)Muster zu verändern, ist sich dieser Muster zunächst einmal überhaupt bewusst zu werden. Um zu verdeutlichen, was ich damit meine, möchte ich hier ein weiteres Konzept anbringen:

Das Modell der Kompetenzstufenentwicklung.

Das Modell der Kompetenzstufenentwicklung beschreibt die Entwicklung vom inkompetenten zum kompetenten Individuum anhand folgender vier Stufen:

1) Unbewusste Inkompetenz:

Ich weiß nichts von meiner Inkompetenz und bemerke mein Defizit gar nicht.

2) Bewusste Inkompetenz:

Ich bemerke mein Defizit zwar, weiß aber nicht, wie ich mein Handeln anpassen kann, um Kompetenz zu erreichen.

3) Bewusste Kompetenz:

Ich weiß, mein Handeln anzupassen, um Kompetenz zu erreichen, jedoch erfordert dies hohe Konzentration und Bewusstheit.

4) Unbewusste Kompetenz:

Meine Fähigkeiten sind derart verinnerlicht, dass ich intuitiv kompetent handeln kann.

Sprachmuster verändern in 3 Schritten

Und nun nochmals zurück zu den destruktiven Sprachmustern:

  • »Ich kann das nicht.«
  • »Ich hab’s verkackt.«
  • »Ich bin so unfähig.«
  • »Das ist nicht meine Stärke.«
  • »Das schaffe ich nie.«
  • »Bestimmt geht das schief.«

1) Sprachmuster bemerken

Wenn ich beginne, meine (automatisch ablaufenden) destruktiven Sprachmuster bewusst wahrzunehmen, beschreite ich bereits die zweite Stufe der bewussten Inkompetenz im Modell der Kompetenzstufenentwicklung und damit den ersten Schritt zur potentiellen Veränderung.

2) Sprachmuster hinterfragen

Nach der bewussten Beobachtung kann ich beginnen, die Herkunft, Gültigkeit und Bedeutung dieser Sprachmuster zu hinterfragen:

  • Woran könnte es liegen, dass ich diese Sprachmuster mit mir herumtrage?
  • Ist es das, was ich früher von meinem Umfeld gehört habe?
  • Und hat das heutzutage wirklich noch Relevanz und Gültigkeit für mich?
  • Ist es das, was ich aktuell von meinem Umfeld höre?
  • Und wie kann ich (besser) damit umgehen?
  • Welches Selbstbild resultiert aus diesen Sprachmustern?
  • Und möchte ich diesem Bild wirklich Raum in meinem Denken geben?
  • Welche Gegenbeweise (Erfolge) habe ich vorzuweisen, die diese Sprachmuster widerlegen können?

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Drei Gewohnheiten, um Selbstzweifel zu mindern – nicht nur für Menschen mit Impostor-Syndrom

3) Sprachmuster umdeuten

Sprachmuster müssen nicht bleiben wie sie sind. Sie können umgedeutet und mit der Zeit verinnerlicht werden:

✅ Besser so… ⚠️ Statt so…
»Ich kann das noch nicht.« »Ich kann das nicht.«
»Wie kann ich es nächstes Mal besser machen?« »Ich hab’s verkackt.«
»Ich habe mein Bestmögliches gegeben.« »Ich bin so unfähig.«
»Ich brauche noch mehr Übung.« »Das ist nicht meine Stärke.«
»Alle haben klein angefangen.« »Das schaffe ich nie.«
»Was kann schlimmstenfalls passieren, wenn mir das jetzt nicht auf Anhieb gelingt?« »Bestimmt geht das schief.«

Kinder dabei unterstützen ein Growth Mindset zu entwickeln

»Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.«
Ein Spruch, der Astrid Lindgrens Heldin Pippi Langstrumpf gerne in den Mund gelegt wird

Die Sprach- und Denkmuster, die wir als Erwachsene mit uns herumtragen, haben ihren Ursprung oftmals in der Kindheit. Was haben wir von Eltern / Verwandten / Lehrkräften / … immer wieder gehört? Und welches Selbstbild haben wir uns ausgehend davon angeeignet?

Um Kinder dabei zu unterstützen, sich als selbstwirksam zu erleben und langfristig ein dynamisches Selbstbild (Growth Mindset) zu entwickeln, können wir auf folgende sechs Stellschrauben in unserer Kommunikation achten:

1) Anstrengung und Übung statt Talente und Eigenschaften hervorheben

✅ Besser so… ⚠️ Statt so…
»Du hast es wieder und wieder versucht und jetzt hast du es geschafft, super!« »Du kleines Mathegenie!«
»Du hast wirklich viel geübt, oder?« »Du kannst ja schön singen.«

2) Prozess statt Ergebnis wertschätzen

✅ Besser so… ⚠️ Statt so…
»Du hast jetzt richtig lange gemalt. Hat das Spaß gemacht?« »So ein schönes Bild.«
»Ich habe den Eindruck, du hast dir richtig Mühe gegeben.« »Toll gemacht!«

3) Selbstwirksamkeit fördern

✅ Besser so… ⚠️ Statt so…
»Versuch’s einfach weiter.« »Lass mich das machen.«
»Irgendwann schaffst du das auch, wenn du genug geübt hast.« »Dafür bist du noch zu klein.«

4) Fehlerkultur vorleben

✅ Besser so… ⚠️ Statt so…
»Ja, das passiert. Ist gar nicht schlimm. Probier’s einfach nochmal.« »So klappt das nie.«
»Oje, das ist jetzt leider schief gegangen. Wollen wir zusammen überlegen, wie das nächstes Mal besser laufen kann?« »So ein Mist. Das ist mal wieder typisch für mich / dich / XY.«

5) Individuellen Fortschritt feiern und ermutigen

✅ Besser so… ⚠️ Statt so…
»Wow, das klappt ja heute noch besser als gestern.« »Toll, du warst schneller / höher / weiter als das andere Kind.«
»Und denkst du, du kommst heute noch weiter? Magst du mal probieren?« »Achtung, nicht runterfallen!«

6) Misserfolge als Lernprozess statt als Scheitern deuten

✅ Besser so… ⚠️ Statt so…
»Noch nicht« »Nicht«

Schön gemachtes YouTube-Video:
Growth Mindset vs. Fixed Mindset

TED-Talk von Carol Dweck:
The power of believing that you can improve

Über Kommunikation mit Kindern:
Growth Mindset: Scheitern ist der wichtigste Schritt zum Erfolg

Ein Growth Mindset entwickeln:
11 Tipps, die zu einem dynamischen Selbstbild verhelfen

Artikel bei Zeitzuleben:
Das Growth-Mindset: eine Denkweise, die dir Erfolg und Wachstum bringt

Frau Lyoner


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